Praxisbeispiele

Praxisbeispiel

Dominanz und Anpassung

Stunde: 11A
Thema: Führen / Geführt Werden
Medium: Empfindungsschulung, Körpersymbolik

Elemente:

Empfindungsschulung, tänzerische Spiele

Einführung:

Das Thema Führen und Geführt Werden (Dominanz/Anpassung) stellt ein Universalthema dar, welches das ganze Leben durchzieht und besonders im Kindesalter äußerst eindrücklich erlebt wird. Wie bei jungen Tieren scheint es auch bei Kindern ununterbrochen Balgereien oder verbale Spielchen zu geben, um Rangordnungen zu finden. Anders als bei jungen Tieren gibt es aber bei Menschen neben dieser unbestreitbar existierenden animalischen Schiene eine andere Ebene des Respekts vor der Einzigartigkeit des Individuums jenseits der für die Rangordnung wichtigen Parameter wie „stärker, größer, frecher, mutiger“ (vorwiegend bei Jungen) und „schöner, verbal geschickter, modischer, sozial geschickter“ (vorwiegend bei Mädchen). Aufgabe dieser Unterrichtseinheit ist es, Mechanismen der Dominanz und Unterwerfung spielerisch herauszufinden, sie auszuprobieren und damit der bewußten Beobachtung der Kinder zugänglich zu machen. Es wäre absolut illusorisch, zu glauben, daß ein gerechtes, respektvolles Miteinander womöglich nach den Kategorien erwachsener Political Correctness erreicht werden könnte. Dazu kollidiert bei den Kindern zu massiv dieser allerdings sehr ausgeprägte Sinn für Gerechtigkeit mit einer absolut animalischen Vitalität. Wir können aber eine sehr viel bessere Selbstregulation in dem Bereich, auch den (bezüglich der Mainstream-Kriterien) Schwächeren eine Chance zu geben, erwarten. Daneben ist das Thema natürlich für die Kinder sehr unterschiedlich besetzt. Für manche ist es immer konflikthaft, und es gelingt ihnen nur ausnahmsweise, sich Verhältnisse zu schaffen, die ihrem Selbstbild oder Gerechtigkeitsgefühl entsprechen. Für andere Kinder wiederum tritt dieses Thema fast völlig in den Hintergrund. Ihr Verhalten ergibt sich aus der Situation, hängt von der Stimmung und den Kindern ab, mit denen sie spielen. Die ersten beiden Stunden ermöglichen eine Art Bestandsaufnahme. Mit etwas Aufmerksamkeit können wir herausfinden, wie die Kinder sich auf der direkten Aktions- und Empfindungsebene geben und wie die intuitiv/unwillkürlichen Grundlagen für ihr Verhalten bezüglich der Polarität Führen und Geführt-Werden sind:

Praxis und Erläuterung

  1. In einer Partnerübung zu zweit rollt ein Kind mit dem Gymnastikball über den ganzen Körper des anderen (stehenden) Kindes. (Stephan Mikusch)
    ad 1:
    Um die folgende wichtige körpersymbolische Übung so vorzubereiten, daß es nicht ein wüstes Ballspiel wird, ist diese Empfindungsschulung unerläßlich. Sie schafft körperlich eine Sensibilisierung des Rückens und eine Sicherheit in der intuitiven Bewegungsregulation. Psychosensorisch erreichen wir vor allem eine umfassende Empfänglichkeit und allgemeine Offenheit für Reize, ohne die die nächste Übung schnell zu einem lustigen aber belanglosen Spielchen werden kann. (10 Minuten)
  2. Der Ball wird mit der flachen Hand gegen die Lende des massierten Kindes gedrückt. Dieses kann langsam beginnen, sich frei im Raum zu bewegen. Das andere Kind soll mit dem Ball folgen. Um übermäßigen Ehrgeiz zu vermeiden, kann angesagt werden, daß es nicht schlimm ist, wenn der Ball hinfällt. Das vordere Kind kann tun, was es will, gehen, tanzen oder Alltagsbewegungen ausführen und zwar langsam oder schnell. Es kann sich drehen, auf den Boden gehen und wieder hochkommen, etc… Das andere Kind soll immer versuchen, so gut es geht zu folgen. (George Benson schnell)
    ad 2:
    In der Übung ist angegeben, daß das vordere Kind die Richtung angeben und eindeutig führen soll. Dieses Thema steht aber erlebnismäßig nicht allein im Vordergrund, sondern im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht eher das Geschicklichkeitsthema: Fällt der Ball hin, oder nicht. An dieser Stelle wird die Stunde eindeutig prozeßorientiert. Da das Thema Führen und Geführt werden für Kinder im gesamten psychosozialen Feld von großer Bedeutung ist, können Lehrer/Künstler diese Chance nutzen, zu beobachten und einzugreifen. Es gibt Kinder, die sich so ungestüm verhalten, daß andere es schwer haben, ihnen zu folgen. Es ist interessant, zu versuchen, ob diese Kinder -ohne sich zu verbiegen- lernen können, mit ihrer Spontaneität ein wenig die Möglichkeiten der anderen im Rückspiegel zu behalten.
    Es gibt auch Kinder, die langweilen andere, weil alles ängstlich ist, was sie anstellen. Vielleicht können sie aber hier ermutigt werden, kühner und unverschämter zu agieren, so daß sie sich trauen, das andere Kind echt zu fordern und zu riskieren, daß der Ball hinfällt.
    Andere Kinder folgen eher lustlos und ohne echtes Engagement, mit ihren Vorderkindern in Kontakt zu bleiben. Da können wir versuchen, die Bedingungen für eine größere Bereitschaft zu erforschen, sich anzustrengen, den anderen zu folgen. Auch diese Tendenz kann ermutigt werden. (10-15 Minuten)
    Gibt es längere Interaktionen in der prozeßorientierten Phase, sollte der gleiche Aufbau in der nächsten Stunde wiederholt werden.

Diese beiden Übungen sollten in der gleichen Rollenverteilung nacheinander gemacht werden. Die Rollen werden erst am Schluß gewechselt.