Erläuterung

Erläuterung

Anforderungen durch die Situation:

Eine postmoderne, multiethnische Gesellschaft erfordert ein Konzept freier Kunst als Mittel gegen Entfremdung, Reizüberflutung, Ausgrenzung und Intoleranz. Für die offene Gesellschaft bedeutet das, daß nach dem Verlust der Volksmusik und der Volkstänze, die Ausdruck ethnischer Geschlossenheit und des engen Bezuges einer kleinen Gruppe aufeinander und die Natur waren, eine neue individuelle Form von Weltaneignung durch Ästhetische Bildung mit künstlerischen Mittel, z.B. Körpersymbolik und Tanzimprovisation entstehen muß. Da es sich bei der Entfremdung sowie auch den Kulturkonflikten um ein Massenphänomen handelt, ist Psychotherapie offensichtlich unangemessen und wäre auch vom Aufwand her nicht realisierbar. Es muß sich vielmehr um prophylaktische, in Gruppen durchführbare Verfahren handeln, die Selbstregulation und Selbstheilungskräfte stärken und zu gelassenem und toleranten Umgang mit anderen erziehen.

Vorteile von Kunst gegenüber Sport

In solchen Fällen wird gewöhnlich Sport im Verein als Sozialisation und Entspannung empfohlen. Im Unterschied zu Sport hat das hier vorgestellte Verfahren einer Ästhetischen Bildung durch den Körper erhebliche Vorteile:
Mannschaftssportarten können zwar durchaus eine gemeinschaftsfördernde Wirkung haben, oft wird aber gerade auch ein gruppenspezifischer Aggressionscharakter verstärkt. Ästhetische Bildung fördert dagegen ein Sich Gewahr Werden der eigenen Individualität in einer Gruppe, die Entwicklung eines inneren Maßstabes im Menschen, der ihn in einen akzeptierenden und respektvollen Kontakt mit anderen Menschen führt.

Kunst und die Entwicklung eines eigenen Wertmaßstabes

Ästhetische Bildung beinhaltet zugleich die Wahrnehmung und Akzeptanz von Unterschiedlichkeit ohne einen bewertenden gegenseitigen Vergleich. Eine Bewertung „besser/schlechter“ bezieht sich immer auf den persönlichen Maßstab des einzelnen Menschen, was Gadamer schon in den 70er Jahren so beschrieb: „Es gibt eine Intelligenz der Sinne, eine Offenheit, die sich gegen instinktgebundene Voreingenommenheiten, gegen Vorurteile unkontrollierter Art, gegen emotionale Verzerrungen und die wahllose Überschwemmung mit Reizfluten bewahrt. Kultur der Sinne, das heißt am Ende: Entwicklung der menschlichen Urteilsfähigkeit.“
(Näheres zu Begründung der Entwicklung dieses persönlichen Maßes siehe weiter unten!)

Kunst als einzigartige Möglichkeit, Gemeinsamkeit an Stelle des Trennenden zu erfahren

Vergegenwärtigen wir uns jetzt die ungewöhnlichen Möglichkeiten von Kunst allgemein: Kunst ist jenseits der folkloristischen Eigenart universell, und sie stellt eine schwer zu beschreibende Gemeinsamkeit her, die am einfachsten mit dem Rückgriff auf das vor der kulturell trennenden Entwicklung der Volksgruppen allen Menschen gemeinsame, Archetypische beschreibbar ist. Sie kann so eine einzigartig wirksame Möglichkeit der Verbindung herstellen, Unterschiedlichkeit nicht als Bedrohung, sondern als eine Verschiedenheit in der Gemeinsamkeit zu verstehen, die auch bereichern kann. Dazu ist Kunst grundlegend non-verbal.

Vorteile der Methode: Entwicklung des eigenen Maßstabes und Erfahrung der Gemeinsamkeit

Wir benutzen eine Methode Ästhetischer Bildung, in der Tanzstile und Bewegungstechniken aus verschiedenen Kulturen integriert und auf allen Menschen gemeinsame Archetypen zurückgeführt werden. Es ist möglich, solche Archetypen wie Geben und Nehmen, Vereinigung-Trennung, Führen-Sich Führen Lassen, u. ähnliches körperlich erlebbar zu machen. Diese Grundgestalten nun existieren für den Manager in New York, die Dorfälteste in Uganda, den Bauern auf den Philippinen, die Angestellte in Moskau, den Jäger und Sammler in Papua-Neuguinea und die Musikerin in Los Angeles gleichermaßen. Sie zwingen ihn/sie zu einer Auseinandersetzung, wobei der Stellenwert der einzelnen Themen,
die Notwendigkeit einer individuellen Lösung jenseits der traditionellen Vorgabe, die sozialen Folgen und der Konformitätsdruck sowie die übertragene Bedeutung je nach Kultur enorm variieren. Dabei ist der Unterrichtsstil ist nicht-bewertend. Das ermöglicht die Vielfältigkeit der Gestaltung auf dem gemeinsamen Grundkanon der Lebensthemen und die Wahrnehmung der eigenen Person zugleich als unverwechselbar und als Variation des für alle Gleichen. Dieser Ansatz: „Tanzimprovisation als Alltagskunst (TIA), Körpersymbolik, innere Bilder und Bewußtsein, (KÖSYBE) und experimentelles Tanztheater (EXTATHE) stellt eines der führenden zeitgenössischen Konzepte dar, die Körperwahrnehmung, Tanztraining, kreativen Ausdruck und persönliche Bedeutung verbinden. Besonders günstig für die Arbeit mit multiethnischen Gruppen ist, daß von VOODOO bis YOGA, von KLASSIK bis NEW DANCE Tanzstile und Körpertechniken aus verschiedenen ethnischen und stilistischen Kontexten – in das jeweilige Thema integriert – verwandt werden. Diese Techniken werden dann zu Themen wie Verwurzelung/Bodenkontakt – Unabhängigkeit/ Freiheit, Bewegungsfluß – Impuls, Raum/Form/Gestaltung – rhythmische Wiederholung Geben – Nehmen, Vereinigung – Trennung und anderen mehr zusammengestellt. (Ausbildung)

Methodik

Die Techniken für diesen Ansatz der Ästhetischen Bildung stammen, wie die Bereiche des modernen Lebens selbst, aus heterogenen Feldern, beziehen alle modern – ethnischen, klassischen und (post)modernen Tanztechniken und Stile mit ein genauso wie körperbildende und – therapeutische Ansätze. Neben der ständigen Kommunikation Körper – Geist muß darin aber außerdem ein philosophisches Konzept der Verbindung von Technik und Improvisation enthalten sein, denn das moderne Leben ist von verinnerlichten Regeln bestimmt und zugleich individualistisch, also eine Variation der Regel. Auf dieser Basis geschieht die Selbstgestaltung des Einzelnen. Wie in der modernen egalitären Gesellschaft sollte so in den Tanzformen eine Spannung zwischen Struktur und Freiheit gewählt werden, eine Variation der allgemeinen Regeln, die für alle Menschen in einer Weise gleich sind, wie die allgemeinen Grundsätze der Gesellschaft für alle gleich gelten, auch wenn sie verschiedener ethnischer Herkunft sein mögen. Das pädagogische Problem bei Improvisation ist die Beliebigkeit. Wenn immer alles gut und richtig ist, verlieren auch viele Erwachsene den Spaß und Anreiz an der Sache. Erst recht gilt das für Kinder, die neben ihrem Spieltrieb gefordert werden wollen, was eine Form von Ernstnehmen ist. Wie aber können wir eine Nicht-Beliebigkeit in der Kunst mit einer Nichtbewertung im pädagogischen Vorgehen verbinden? Das hört sich vielleicht auch nach einem Plädoyer für Technik an,
vermittelt doch eine gute Technik in den Künsten allen die gleiche Regel, durch die sich Meisterschaft des Ausdrucks entfalten kann. Genau da aber liegt das Problem. Kunstunterricht zur Förderung von Gemeinschaftlichkeit, Toleranz und Kreativität bedeutet Alltagskönnen, nicht Bühnenkunst. Die für die Bühne notwendige Technik jedoch schafft genau die Bewertung von besser gegen schlechter, die schon das Problem der Schule im allgemeinen ist und die auch die Möglichkeiten des Sportunterrichtes begrenzt. Das Mittel der Wahl sollte daher ein Ansatz von Ästhetischen Bildung mit Tanzimprovisation sein, denn nur Improvisation ermöglicht ein nicht bewertendes Miteinander, in dem es jeder auf seine Art richtig machen kann. (Ausbildung)

Zusammenfassung

Ziel ist die Weiterentwicklung und Anwendung eines praktikablen Konzeptes der Erziehung zu Selbstverantwortlichkeit, Toleranz und Völkerverständigung auf non-verbaler Basis durch Tanz und Körperarbeit. und Durchführung als gemeinsames Projekt in verschiedenen Ländern. Wir benutzen als kulturpädagogisches Konzept einen detailliert ausgearbeiteten Ansatz Ästhetischer Bildung, in dem sich die Unterschiedlichkeit der Menschen verschiedener ethnischer Gruppen und
Zivilisationen vor dem nicht-bewertenden Hintergrund eines Grundkanons von Gemeinsamkeit entfalten kann und so in seiner Reichhaltigkeit erlebbar wird. Es ist stilistisch nicht festgelegt, verwendet Techniken aus verschiedenen ethnischen Kontexten, läßt vor dem Hintergrund einer festen Struktur universeller Themen Spielraum für die individuelle Gestaltung und regt auf natürliche Art zur Zusammenarbeit an. Es wird ein Ausdruckstraining durchgeführt, das die Menschen in Kontakt bringt und somit der gefährlichen Vereinzelung entgegenwirkt. Von eminenter Bedeutung ist der Kontakt mit dem Körper, der immer grundlegend einbezogen ist. Der Körper birgt, richtig angesprochen, und mit dem Geist in Verbindung gebracht, alle Möglichkeiten der Selbstheilung und Selbstregulation. Dabei gehen wir von der Grundannahme aus, daß Menschen sich wohl in ihren Sitten und Äußerlichkeiten sehr unterscheiden und oft in Konflikte geraten, daß es aber möglich ist, dahinter Gemeinsamkeiten zu finden, die stärker verbinden, als die unterschiedlichen Gebräuche zu trennen vermöchten.